Kashgar, September 2000

Faszination Seidenstrasse

Die über 20000 Jahre alte Oasenstadt Kashgar, am Fusse des Pamirs gelegen, ist sicher einer der Orte meiner Reise, die ich mit grössten Erwartungen ansteüre. Kashgar ist der strategisch wichtigste Ort an der Seidenstrasse. Schnittpunkt der nördlichen und südlichen Route und das Tor zu den Päsen nach Zentralasien, Indien und Persien. Vom Pair und Karakorum her kommend wurden hier, zur Blütezeit dieser sagenumwobenen West/Ost-Verbindung, die robusten Yaks und erschöpften Packpferde gegen Kamele eingetauscht, um den Weg Richtung Xi’an vortsetzen zu können.

Auch heute hat der Ort eine wichtige Bedeutung für die spärlichen, wenn auch ständig zunehmenden, Ströme von Touristen. Nach wie vor hat die Stadt einen stolzen Anteil von 90% Uygurs und anderen Minoritäten und ist somit das islamische Zentrum Chinas. Und jeder Reisende schwärmt in höchsten Tönen vom Reiz, den dieser so unchinesische Ort bis heute ausstrahlen soll. Da muss was dran sein. Vor allem aber ist Kashgar für mich das Tor zur Zivilisation.

Nach einem guten Jahr im Mittelalter mit den verrückten Bewohnern des indischen Subkontinents tut eine Abweckslung sicher gut. Unser Einzug in Kashgar kann man nicht gerade als Standesgemäss bezeichnen, dafür umsomehr dem Naturell meiner beiden knapp Volljährigen Begleiter entsprechend. Nachdem wir dem Jeepfahrer auf der knapp sechsstündigen Fahrt mit den neusten Drum-and-Base-Beats aus London das Gehirn fast rausgeblasen und den letzten Nerv gerissen haben, setzt er uns, vor dem Seman Hotel ab und macht sich schleunigst wieder aus dem Staub.

So stehen wir vor dem imposanten Gebäude des alten russischen Konsulats und ehemaliger Residenz von Nikolai Petrovsky, ärgster Feind von Sir George Macartney um die Jahrhundertwende im sogenannten Gra\eat Game. Heutzutage ist es ein ziemlich luxuriöses Hotel mit majestätischer Eingangshalle. Das scheint Jake wenig zu beeindrucken und marschiert mit Rucksack und in schäbigen Klamotten zur Reception. Ich finde, er soll keinen Scheiss machen, da die uns hier flugs rauswerfen werden, ausserdem habe ich keine Lust, für solche Mätzchen Kohle locker zu machen.

Nach etwas verhandeln werden wir tatsächlich für gut zwei Dollar pro Nase in einen engen Raum mit drei Betten geführt, der früher Teil des Treppenhauses war und von der Decke bis zum Boden voll verglast ist. Leben im Schaufenster? Was solls. Wir sind nun vollwertige Gäste des Hotels, dürfen Personal-WC und –Dusche mit heissem Wasser benutzen, haben Anrecht auf saubere Laken, heisses Teewasser, ein paar Badelatschen und durefen uns sogar in der monströsen Lobby in die Ledersessel legen, beim dubiosen Massage- and Beauty-Parlour vorbeischleichen oder einfach nur mit Anlauf über den blitzblanken Marmorboden der Eingangshalle rutschen.

Ein Leben im Luxus! Das Hotel befindet sich ausserhalb der Altstadt in einem Quartier, das von Verwaltungsgebäuden aus den 50er Jahren im russischen Stil und Beton-Klötzen aus den 60er und 70er Jahren im chinesischen Stil dominiert wird. Gemütliche Strassenrestaurants laden zum verweilen ein, überall stehen Billardtische im Freien herum, die von jungen Uygurs in ihren graün Anzügen und den typischen quadratischen, reich bestickten Kopfbedeckungen rege benutzt werden.

Am Strassenrand warten geschmückte Eselskarren, mit ihren fetten alten Kutschern auf der Ladefläche schlafend, auf Kundschaft. In den Restaurants, die zu meiner Verzückung nicht nur richtige Speisekarten, sondern die auch in englisch haben, lässt sich Stundenlang rumsitzen und das Geschehen auf den Strassen beobachten.

Damit die Uygurs nicht ganz vergessen, wer hier der Chef im Laden ist, haben die Chinesen südlich der Altstadt mit einer vierspurigen Paradestrasse ein Anschauungs-Beispiel sozialistischen Fortschritts und somit ein Haufen gesichtsloser Architektur hingepflastert. Breite Fussgängerzonen auf beiden Seiten der Strasse, die von omnipräsenten Putzkolonnen klinisch sauber gehalten werden, locken gut betuchte Businessmen and –women und solche, die es gerne sein wollen, zum ultimativen Kaufrausch in den wahlreichen schicken Boutiqün, gestylten Barbier-Shops, chinesischen Fastfoodrestaurants, Shoppingarkaden, zuckersüssen Bäckereien, lärmenden Elektronikshops und den Wedding-Centers, in denen das lifestylebewusste junge Paar von der kompetenten Beratung, dem kitschigen Outfit über den standesgemässen Haarschnitt bis zum Foto- und Videoshooting inclusive blumengeschmückter Luxuskarosse für den schönsten Tag im Leben verpasst bekommt.

Auf der Strasse gibt sich jeder cool und kosmopolitisch. Anzüge, Kravatten, Deux Pieces, Designerjeans, Sonnenbrillen, Miniröcke, Plateauschuhe, Radouhr, alles schön nach westlichem Muster und selbstverständlich Made in China. Handys nerven in den unglaublichsten Melodien, der Blick zum Pager ist Routine, jeder scheint pausenlos telefonieren zu müssen. Der Gipfel der chinesischen Kultur in diesem Teil der Stadt ist sicher der Peoples Square mit seiner 18 Meter hohen Statü des Vorsitzenden Maos, der mit erhobenem rechten Arm im klassischen VP-Outfit gen Horizont blickt. Rundherum tonnenweise Marmor, heroisch aufgeschichtet, mit vielen goldenen Inschriften und roten Fahnen mit gelben Sternen.

Bei Sonnenuntergang wird der imposante Platz durch ein ausgeklügeltes Soundsystem mit einem Potpuri aus westlicher klassischer Musik mit modernem Beat beschallt. Die surreale Stimmung wird durch eine Lichtshow verstärkt, die an ein farbiges Feürwerk erinnern soll. Werr dann vom Mao-Denkmal her die überqürung der vierspurigen Paradestrasse überlebt, darf dann auf dem riesigen Square nach herzenslust Tanzen oder einfach nur die einmalige Atmosphäre geniessen.

Chinesen entscheiden sich fast ausschliesslich, vorallem die ältere Generation, fürs Tanzen. Das findet in Gruppen zu gut 50 Opas und Omas statt, die alle in ein und demselben Schritt lockere Hüftschwünge und gekonnte Piroütten wagen. Ein Bild für Götter. Ich muss mir jeweils auf die Zunge beissen, um nicht gleich loszubrüllen. Für den aufmerksamen Leser, der meine bisherige Philosophie des Reisens begriffen hat, mag es ziemlich absurd klingen, dass ich meine erste Zeit in Kashgar, bevor ich überhaupt einmal die Altstadt gesehen habe, in dieser sterilen Plastikwelt verbringe. Hier wird der Wert eines Menschen wieder nach Aüsserlichkeiten und Einkommen bestimmt und damit kenne ich mich bestens aus.

Die Marketingmaschine läuft auf Hochtouren und alles ist schön konsumentengerecht aufbereitet. Die Wohlstandsgesellschaft hat mich zurück, willkommen zu Hause. Mein Rucksack ist halbleer, die Kreditkarte immer noch gut geladen, ich kann mir alles kaufen, was ich will. Stundenlang schlendere ich durch Shoppingcenters und Boutiqün, bestaune mit grossen Augen das immense Angebot. Ich finde, dass es Millionen von Dinge gibt, die jeder haben will, aber kein Mensch braucht. Was soll den das ganze eigentlich? Was mir wirklich fehlt ist Salami, Käse, Jazz und die Weltwoche. Das gibts hier aber nicht.

So bleibt die VISA in der Tasche, der Rucksack angenehm leicht und das beruhigende Gefühl, dass ich ja eigentlich alles haben könnte. Stadtdessen mache ich mich auf Entdeckungsreise durch die chinesische Küche. Endlich wieder herrlich duftender Reis mit knackig frischem Gemüse, Pilze in allen Ausführungen, frisch gebratene Hähnchen und Enten, Spuppen, Teigtaschen und Nudeln bis zum Abwinken.

Alles frisch zubereitet, köstlich gewürzt und saugünstig. Ich schlage mir den Bauch täglich mehrmals voll und versuche, wieder etwas Substanz auf meine pakistangeschädigten Knochen zu bringen. Eines Abends beschliessen wir, mal so richtig auf die Pauke zu haün und gehen in ein fettes chinesisches Restaurant. Die haben dort dann auch gar nichts, was wir mit unserem bisschen Mandarin bestellen können, so marschiert Assaf kurzerhand in die Küche und kommt bald strahlend mit dem Chefkoch zurück, der uns persönlich die Hand schütteln will.

 

Assaf weiss auch nicht genau, was er eigentlich bestellt hat. Jedenfalls stehen bald drei Gerichte vor und Ente mit Peperoni, Ente mit Chili und Ente mit Bohnen. Wahrscheinlich wollte der Chefkoch mal ein paar Vollweichen aus der Nähe sehen. Das Personal stellt sich darauf im Halbkreis um unseren Tisch und will sehen, ob wir soviel Ente ohne Schaden vernichten können. Um die Situation etwas aufzulockern, bestellen wir eine Flasche Whisky, worauf wir aber Reisschnaps mit 50% Alkoholanteil erhalten. Das Zeug ist kaum geniessbar, verbrennt die Ente aber augenblicklicklich in den Eingeweiden.

Die Chinesen an den umliegenden Tischen können sich vor Lachen kaum mehr einklinken und nach dem Essen haben wir blitzartig ein paar besoffene Schlitzaugen und eine neü Flasche mit dem parfümartig riechenden Brennsprit am Tisch. Eigentlich sind wir schon ziemlich dicht, nach der überdosis chinesischer Gastfreundschaft haben wir aber alle einen Sprachfehler. Da gibts nur noch eins, ab in die Disco.

Zu Pump up the jam’ stürmen wir in der ‘Lei Long Dancing Bar’ johlend die Tanzfläche und stellen erstaunt fest, dass diese auf Federn gelagert ist und somit im Rythmus der tanzenden Menge auf und ab vibriert. Uns bleibt heute auch gar nichts erspart. So rocken wir kräftig ab und nach einem längeren Filmriss finde ich mich vor unserer Zimmertüre schlafend, da Assaf, der den Schlüssel hat, nicht zu finden ist.

Jake hat sich derweil ein Stockwerk tiefer im Ladysdorm lautstark Einlass verschafft und ein Bett beschalgnahmt. Am nächsten Morgen brummt der Schädel und ich hab vorerst genug von der ‘zivilisierten’ Welt. Ich bin definitive bereit, das wirkliche Kashgar kennenzulernen. Der Weg in die Altstadt ist wie eine Zeitreise zurück in eine alte zentralasiatische Stadt. Der Lärm der Autos und Handys wird abgelöst vom Rythmus der Händler, Pilger und Handwerker. Die Strassen runs um die 600 Jahre alte Aidkal Moschee, dem Herz der Altstadt und grösstem Bauwerk dieser Art in China, sind vollgestopft mit Restaurants, Handwerksbetrieben und Shops und Vertreter aus ganz Zentralasien scheinen sich an diesem Stelldichein zu beteiligen. Am auffälligsten sind die Uygurs, die mit Kopfbedeckungen in verschiedensten Formen und Ausführungen ihre Standeszugehörigkeit und Abstammung demonstrieren.

Durch Aussehen und Kleidung unterscheiden sich die Kazakhs, Hui, Xibo, Mongolen, Kirghisen, Uzbeks, Manchus, Russen, Tartaren und Tajiks. Unter den alten schattigen Bäumen vor der Moschee kaürn Gruppen von alten Männern beim Kartenspiel, rasieren Barbiere die Schädel von Pilgern und verkaufen Bäcker ihr kunstfoll aufgeschichtetes Nan-Brot. Die Luft ist geschwängert von Kohlerauch und dem Duft von gebratenem Lammfleisch, das die umliegenden Restaurants auf langen Grills in Form von Kebabs ohne Unterbruch zubereiten.

In riesigen Pfannen wird das traditionelle Polo, gebratener Reis mit riesigen Stücken von Schaffleisch, zubereitet, die geschlachteten Tiere hängen daneben gehäutet und von Wespen umschwärmt an Haken. Bleistiftdicke Nudeln werden von alten Fraün mit Kopftuch für das leckere ‘Laghman’ für jeden Gast frisch von Hand gezogen. An jeder Ecke dampfen Stapel von Bambuskörben, in denen köstliche Teigtaschen, gefüllt mit Kürbis, Schaffett und Fleisch, ‘Mantas’ genannt, zubereitet werden.

In steinernen Tandoori-öfen wird Samsa, das brotähnliche gebackene Pendant zu den Mantas, gebacken und mit Vorliebe zusammen mit Tee zum Frühstück verspiesen. Zur Mittagszeit schreien die Restaurantbesitzer für Kundschaft um die Wette, da jeder mehr oder weniger dasselbe anbietet. Die angrenzenden Bazare sind vollgestopft mit allem, was ein echter Uygur zum Leben braucht. Dazu gehören natürlich die Kofpbedeckungen aller Art, handweiche Lederstiefel, die mit sonderbaren Aussenschuhen getragen werden, bademantelartige weisse Sommermäntel sind ebenso in Angebot wie die schweren fellbesetzten Wintermodelle, wobei auch unverarbeitete Felle von Tieren erhältlich sind, für dessen Besitz man in Europa wahrscheinlich auf der Stelle verhafetet, mindestens aber von Greenpeace gesteinigt würde.

Weniger anstössig sind die reich verzierten Messer in allen Grössen in Lederhalfter, ohne die kein Uygur auf die Strasse gehen würde. Unzählige Stände mit chinesischer Seide, Porzellan, Goldschmuck, Kopferwaren in orientalischem Design und grossen, kunstvoll geschmiedeten Messingschatullen versetzen einem in eine Welt von 1001 Nacht. Die Strassen der Gandwerker sind nicht minder reizvoll. Die Instrumentemacher formen über Kohlefeür dünne Holzplatten, um sie dann zu Dutars oder Rawabs, klassischen Uygur-Saiteninstrumenten, zusammenzusetzen und sie mit Schlangenleder zu überziehen oder mit feinsten Intarsien aus Edelhölzern oder Perlmutt zu verzieren. Schmiede hämmern aus einem Stück Kopferblech Kochtöpfe oder formen aus Zink massive Türbeschläge, die wie Relikte aus dem Mittelalter aussehen.

Egal ob Schreiner, Drechsler, Schuhmacher, Silberschmied, Sattler oder Glasgiesser, jeder arbeitet auf der Strasse und in jedem Betrieb sind mehrere Generationen einer Familie am Werk. Die heissen Stunden um die Mittagszeit verbringe ich zusammen mit den Locals, am liebsten auf dem schattigen Balkon des klassischen Teehauses. Für ein paar Kwai gibts dort eine Kanne Tee, die dann laufend mit heissem Wasser aufgefüllt wird. Ein wundervoll entspannender Ort, um einen Nachmittag in Schneidersitz auf den mit Teppichen belegten Plattformen sitzend, das Chaos der Marktszene zu beobachten, Briefe zu schreiben oder mit den Leuten zu sprechen. Faszinierend betrachte ich die Gestalten, die aus einem Historienfilm entsprungen zu sein scheinen und bin immer ein bisschen aufgeregt, wenn sie mich auf Uygur ansprechen.

Ab und zu setzen sich Englischlehrer aus der Mittelschule zu mir, um über die Mittagszeit ihr spoken english’ etwas aufzubessern, versorgen mich aber im Gegenzug mit allerlei Hintergrundinformationen, fungieren als übersetzer oder liefern Details über meine Person an die interessierten Gäste. Später, wenn die Abendsonne die zweistöckigen, uralten Lehmhäuser im Wohnquartier der Altstadt in ein goldenes Labyrinth verwandelt, wird ein Spaziergang durch die engen Gassen zum Traum eines Fotografen. überall tummeln sich Scharen von Kindern in traditionellem Outfit, kitschigen Kleidchen, splitternackt, herausgeputzt oder völlig verdreckt, die sich darum reissen, vor der historischen Kulisse abgelichtet zu werden.

Hohe Mauern umschliessen kleine Innenhöfe, manchmal steht eine der massiven Türen offen, so dass man einen kurzen, atemberaubenden Blick auf das liebevoll gepflegte Stückchen Privatleben der Uygurs werden kann. Waschplätze mit Handpumpen sind mit Kübeln voller Blumen eingefasst, daneben kleine Granatapfel-Bäume in voller Frucht, überall hängt Wäsche und entlang der Wände sind Teppiche ausgelegt, auf denen die Alten sitzen und diskutieren.

Oasen der Ruhe in diesem verschachtelten Wirrwarr von Gassen, Balkonen, Stallungen und Wohnräumen. Fliegende Händler mit Eselskarren voller Früchte und Gemüse holpern über die unebenen Gassen oder diskutieren mit Gruppen von Kundinnen über die Gerüchte des Tages. In dunklen, von Rauch geschwärzten Räumen wird deas frische Nan-Brot mit langen Metallhaken aus den Tandoori-öfen gefischt, die alte Fraudes Bäckers hebt den Rock, um mir das Weckselgeld fürs Brot auf Kniehöhe aus ihren dicken Nylonstrümpfen zu graben.

Seit der Zeit der Karawanen scheint sich hier wenig verändert zu haben, der Mythos der Seidenstrasse lebt. Der eigentliche Höhepunkt einer Reise nach Kashgar stellt aber der legendäre Sonntagsmarkt dar. Frühmorgens treffen tausende von Farmern aus der Region auf ihren Karren in Kashgar ein und verwandeln das ganze Gebiet östlich des Tuman Rivers in den grossartigsten Markt, den ich je gesehen habe. Verschiedene Zugänge führen zu den mannigfaltigen Sektionen, in denen so ziemlich alles verkauft wird, was man sich vorstellen kann: Sättel, Zaumzeug, Seile, Seide, Baumwolle, Güte, Pfannen, Töpfe, frische Gemüse, Berge von Melonen aus Hami, Trauben aus Trupan, Körbe voller Pfirsiche, Granatäpfel und Feigen, Haufen von secondhand Kleidern, alte Radios, Fernseher und Tonbandgeräte in voller Lautstärke.

Massen von Leuten drängen sich durch die Strassen, laufend kämpfen sich Eselskarren, vollbeladen mit Passagieren vom und zum Markt, durch das Chaos und versuchen durch lautes ‘posh, posh!’-rufen den Weg durch die Menge zu bahnen. Herden von Tieren werden durch die Strassen Richtung Tiermarkt getrieben. Dort stehen sie dann auf einer riesigen Fläche zusammengebunden, Bullen, Esel, Schafe, Ziegen, Kühe und Kamele in allen Arten und Preisklassen. Fajikische und kirgisische Reiter galoppieren ohne Sattel über den matschigen Grund und demonstrieren so eindrücklich ihre Fähigkeiten und die Vözüge der Pferde.

Ein Durchkommen zwischen den Händlern, Käufern und dem Vieh ist kaum möglich, überall wird verhandelt, gefeilscht und die Zähne und Hintern der Tiere untersucht. Manch einer wird unter dem Gelächter der Händler von einem wilden Bullen oder einem nervosen Pferd in den Schlamm gestossen und verlässt dann völlig verdreckt die Bildfläche. Die Atmosphäre ist ausgelassen, festlich, die umliegenden Restaurants qüllen über von Gästen, die sich nach einem guten Kauf vor der Heimreise stärken.

Laufend wird mir von lachenden Händlern eine kleine Schafherde oder ein Eselgespann angeboten. Ein kräftiges Maultier mit galenzendem Fell handle ich auf rund 150 Franken runter, ein massiges Schaf mit fettem Hintern könnte ich für läppische 40 Franken mitnehmen. Schlussendlich verlasse ich den Markt ohne neün Begleiter und höre noch lange in der Ferne das klingen der Glocken der Pferdegespanne und das Tosen des Geschreies der Händler. Obwohl China ruft und ich noch soviel erleben möchte, fällt es mir schwer, von Kashgar Abschied zu nehmen. Assaf macht sich mit einem mulmigen Gefühl im Magen auf die beschwerliche und illegale Reise, per Anhalter und vorbei am Mount Kailash, nach Tibet.

Ich habe zusammen mit Jake einen 32-Stunden-Trip nach Urumqi vor mir, was mich auch nicht gerade motiviert. Schlussendlich beruhige ich mich aber mit dem Gedanken, dass die Fahrt durch die Wüste im Zug um ein Mehrfaches angenehmer ist, \als der wochenlange Ritt auf einem Kamel, wie es die frühen Reisenden getan haben. Vorbelastet vom Cjhaos indischer Bahnhöfe und Züge, bin ich aber dann vom chinesischen Pendant ziemlich überrascht.

In Kashgar, wo täglich ein Zug die Station verlässt und einer ankommt, finde ich ein gigantisches und blitzsauberes Bahnhofsgebaüde vor und das Perron wird zum verabschieden der Passagiere mit sanfter Musik beschallt. Im inner des Zuges gehts dann gleich weiter. Für Zucht und Ordnung in den Waggons sorgt ein Heer von uniformierten Beamtinnen, die bei der Abfahrt des Zuges alle in Achtungsstellung vor den Türen stehen. Im ‘Hard-Sleeper’ hat jeder Passagier anrecht auf eines von drei übereinanderliegenden Betten mit blütenweissen Laken, Wolldecke, Kissen und Frottiertuch. Heisses Wasser ist ständig kostenlos erhältlich, der Boden wird andaürnd aufgewischt und die Toiletten und der Waschraum sind fast in schweizerischem Zustand.

Jeder Halt des Zuges daürt solange, dass man gemütlich aussteigen, die Knochen stricken, ein Bier trinken und etwas zu Essen kaufen kann. So macht Zugfahren Spass, die Reise wird zum Vergnügen und man kann sich voll auf anregende Gespräche, Lesen oder natürlich auf die Landschaft konzentrieren. Die besteht zwischen Kashgar und Urumqi hauptsächlich aus Steinwüste, Sanddünen, kahlen Hügeln, heruntergekommenen Siedlungen und vereinzelten Industrieanlagen. Die wirkliche Schönheit der Landschaft erkennen ich aber erst, als Nachts zum Schalfen die Lichter gelöscht werden.

Dann erst merke ich, dass draussen der Vollmond die Wüste in ein surreales Traumland verwandelt hat. Die Wirklichkeit wird durch ein sanftes Licht verhüllt, vor dem Fenster spielt ein Film von Licht und Schatten, weiche Formen in schwarz/weiss. Eine Begegnung mit der Wüste der besonderen Art.

Gruss,
Tom